„KI muss den Prozess unterstützen – nicht steuern“
Workday-Produktchef Gerrit Kazmaier, President Product & Technology bei Workday: “Der Schlüssel liegt darin, die Stärken der KI mit deterministischen Prozessen zu kombinieren.”Workday
Eine aktuelle Workday-Studie mit Daten aus Deutschland und Europa zeigt ein überraschendes Paradox: Obwohl viele Beschäftigte ihre Produktivität und ihr Engagement hoch einschätzen, verbringen sie einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Aufgaben, die moderne Unternehmenssysteme längst automatisieren könnten. Nicht mangelnde Technologie oder fehlende Akzeptanz der Mitarbeitenden bremsen laut der Studie den Einsatz von KI, sondern fragmentierte Prozesse und Insellösungen.
Die Ergebnisse stellen verbreitete Annahmen über den Einsatz von Enterprise AI infrage und unterstreichen zugleich, warum Governance, Vertrauen und Datensouveränität – gerade in Deutschland und Europa – entscheidende Voraussetzungen für eine erfolgreiche KI-Transformation sind.
Darüber sprachen wir mit Gerrit Kazmaier, President Product & Technology bei Workday. Vor seinem Wechsel zu Workday leitete er bei Google das Data-Analytics- und BI-Geschäft und verantwortete unter anderem Google BigQuery, Looker, Pub/Sub, Dataflow und Dataplex. Im Laufe seiner Karriere war der Wirtschaftsinformatiker außerdem mehr als elf Jahre bei SAP tätig, zuletzt als President für die Bereiche Database (SAP HANA und Sybase), Analytics, Business Intelligence (Business Objects) und Enterprise Performance Management.
„Zwischen Demo und Produktiveinsatz liegen Welten“
Herr Kazmaier, wo stehen die Unternehmen aus Ihrer Sicht aktuell beim Thema KI?
Gerrit Kazmaier: Wir hatten vor kurzem einen exklusiven Austausch mit CHROs und CEOs aus unserer Kunden- und Interessentenlandschaft. KI war tatsächlich an jedem Tisch das dominierende Thema. Was mich besonders beeindruckt hat, war die positive Grundhaltung. Die Diskussion dreht sich inzwischen nicht mehr darum, ob man KI einsetzen sollte, sondern darum, wie man sie sinnvoll nutzt und welche Anwendungsfälle tatsächlich einen messbaren Geschäftsnutzen liefern. Viele Unternehmen haben ihre ersten Experimente hinter sich und stehen jetzt an der Schwelle, KI in ihre Kernprozesse zu integrieren.
Genau das scheint derzeit die entscheidende Herausforderung zu sein: Vom Experiment zum produktiven Einsatz.
Kazmaier: Absolut. Die erste Frage lautet: Wie integriert man KI so in Geschäftsprozesse, dass sie zuverlässig arbeitet und echten Mehrwert schafft? Die zweite: Wie verändert KI eigentlich die Struktur von Unternehmen? Wenn Aufgaben zunehmend von KI-Systemen übernommen oder unterstützt werden, verändert das zwangsläufig Rollenbilder, Teams und Organisationsstrukturen. Diese beiden Entwicklungen laufen parallel.
Viele Unternehmen sind von den Möglichkeiten generativer KI fasziniert. Reicht diese Begeisterung aus?
Kazmaier: Die Faszination ist absolut nachvollziehbar. Es ist heute erstaunlich einfach geworden, mit generativer KI beeindruckende Ergebnisse zu erzielen. Gleichzeitig ist es erstaunlich schwierig, daraus nachhaltigen wirtschaftlichen Nutzen zu generieren. Zwischen einer überzeugenden Demo und einem produktiven Unternehmenseinsatz liegen Welten.
Woran liegt das?
Kazmaier: Geschäftsprozesse stellen völlig andere Anforderungen als ein Chatbot. Dort geht es um Zuverlässigkeit und Korrektheit. Nehmen Sie die Gehaltsabrechnung. Sie muss zu hundert Prozent stimmen. Oder den Finanzabschluss. Auch der muss rechtlich und fachlich korrekt sein. Niemand würde einen Geschäftsbericht akzeptieren, der zu 80 Prozent richtig ist – aber es nicht klar ist, welche 80 Prozent.
„Mit KI existiert erstmals ein weiterer ‘Intelligenzträger’“
Generative KI arbeitet aber grundsätzlich probabilistisch, also mit Wahrscheinlichkeiten. Wie lässt sich dieses Problem lösen?
Kazmaier: Der Schlüssel liegt darin, die Stärken der KI mit deterministischen Prozessen zu kombinieren. KI bringt Fähigkeiten wie Schlussfolgern, Priorisieren oder das Verstehen komplexer Zusammenhänge mit. Gleichzeitig braucht es klare Geschäftsregeln, Richtlinien und kontrollierte Prozessabläufe. Erst das Zusammenspiel beider Welten ermöglicht den zuverlässigen Einsatz in Unternehmensprozessen.
Wo sehen Sie dabei den größten Mehrwert?
Kazmaier: Wir verfolgen im Grunde zwei Innovationsrichtungen gleichzeitig. Zum einen automatisieren wir möglichst viele Backend-Prozesse – Recruiting, Payroll, Benefits oder Finanzprozesse. Zum anderen schaffen wir eine deutlich stärkere Personalisierung für den einzelnen Anwender. Das klingt zunächst widersprüchlich. Normalerweise bedeutet Standardisierung weniger Individualität. KI ermöglicht aber genau diesen Spagat: Im Hintergrund werden Prozesse stärker standardisiert und automatisiert, während die Interaktion mit dem Nutzer persönlicher und kontextbezogener wird.
KI verändert also nicht nur Prozesse, sondern auch Organisationen?
Kazmaier: Davon bin ich überzeugt. Bislang war der Mensch der einzige Träger von Intelligenz im Unternehmen. Mit KI existiert erstmals ein weiterer “Intelligenzträger”. Das führt dazu, dass wir klassische Stellenbeschreibungen und Organisationsmodelle neu denken müssen. Viele Jobs bestehen heute aus einem Bündel unterschiedlichster Aufgaben. Wenn KI einzelne dieser Aufgaben übernimmt, verändert sich automatisch die Definition eines Jobs. Dasselbe gilt für Teams und letztlich für ganze Organisationen. Die traditionellen Hierarchien sind für relativ statische Arbeitswelten entstanden. KI schafft jetzt die Voraussetzungen für wesentlich dynamischere Organisationsformen.
Bedeutet das das Ende klassischer Stellenprofile?
Kazmaier: Ich glaube, dass wir uns langfristig von einer rein rollenorientierten Organisation hin zu einer stärker auf Fähigkeiten und Aufgaben ausgerichteten Organisation bewegen. Unternehmen werden künftig sehr viel flexibler entscheiden können, welche Aufgaben von Menschen übernommen werden, welche von KI und welche im Zusammenspiel beider. Genau diese Transformation erleben wir derzeit – und sie wird Unternehmen weit stärker verändern als der reine Einsatz einer neuen Technologie.
„KI bedeutet eine Transformation des gesamten Unternehmens“
Unternehmen nähern sich KI auf unterschiedliche Weise. Manche starten in der IT, andere in einzelnen Fachbereichen. Ist Human Resources aus Ihrer Sicht ein besonders geeigneter Einstiegspunkt?
Kazmaier: Ich denke schon. Zum einen, weil KI nicht nur eine technologische Veränderung ist, sondern eine Transformation des gesamten Unternehmens. HR beschäftigt sich zwangsläufig mit Fragen wie: Welche Kompetenzen brauchen wir künftig? Welche Aufgaben übernimmt KI? Welche bleiben dauerhaft beim Menschen? Wie verändern sich Recruiting, Weiterbildung und Karrierepfade? All diese Fragen landen zuerst im Personalbereich.
Gleichzeitig ist HR eng mit den Finanzprozessen verbunden.
Kazmaier: Genau. An der Schnittstelle zwischen HR und Finance wird KI sehr schnell zur wirtschaftlichen Realität. Unternehmen müssen künftig nicht nur Personalkosten planen, sondern auch den Einsatz von KI-Systemen und deren Betriebskosten berücksichtigen. Das verändert letztlich auch die Steuerung eines Unternehmens.
Gleichzeitig betrifft HR jeden einzelnen Mitarbeiter.
Kazmaier: Und genau deshalb bietet KI dort enormes Potenzial. Jeder kennt aus eigener Erfahrung, was gute Arbeit ausmacht: faire Beurteilungen, gute Führung, individuelle Entwicklungsmöglichkeiten und passende Weiterbildung. In der Realität scheitert vieles aber an begrenzten personellen Ressourcen. Nicht jeder Bewerber kann einen persönlichen Recruiter bekommen. Nicht jeder Mitarbeiter einen individuellen Karrierecoach oder Mentor.
KI könnte diese Lücke schließen?
Kazmaier: Genau das ist die große Chance. KI ermöglicht erstmals, sehr viele Mitarbeitende individuell zu begleiten und zu unterstützen. Sie kann Bewerber persönlicher durch den Recruiting-Prozess führen, Beschäftigten individuelle Entwicklungsempfehlungen geben oder Führungskräfte im Alltag unterstützen. Dadurch entsteht eine deutlich stärker personalisierte Employee Experience – und zwar in einer Größenordnung, die rein menschlich kaum realisierbar wäre.
Wie zeigt sich das in der Praxis?
Kazmaier: Nehmen wir klassische HR-Prozesse. Unternehmen sparen durch die Automatisierung Zeit und Kosten. Gleichzeitig steigt die Zufriedenheit der Mitarbeitenden, weil sie viel schneller Unterstützung erhalten. Früher wurde beispielsweise ein HR-Ticket an ein Shared Service Center weitergeleitet und die Antwort kam vielleicht erst Tage später. Heute kann ein KI-Assistent viele Anliegen sofort beantworten – rund um die Uhr.
Das gilt auch für Bewerbungsprozesse?
Kazmaier: Absolut. Bewerber schreiben ihre Bewerbungen häufig nach Feierabend oder am Wochenende – also genau dann, wenn kein Recruiter mehr arbeitet. Mit KI können sie trotzdem unmittelbar Rückmeldung erhalten, Fragen stellen oder durch den Bewerbungsprozess geführt werden. Das verbessert die Candidate Experience erheblich und macht den gesamten Prozess deutlich effizienter.
Sie sehen HR also als einen der Bereiche, in denen KI ihren Nutzen besonders schnell unter Beweis stellen kann?
Kazmaier: Ja, weil hier zwei Effekte zusammenkommen: Unternehmen profitieren von einer deutlich höheren Automatisierung, während Mitarbeitende und Bewerber gleichzeitig eine individuellere Betreuung erleben. Diese Kombination gab es in dieser Form bisher nicht. Deshalb halte ich HR für einen der natürlichsten Anwendungsbereiche für KI.
Herr Kazmaier, vielen Dank für das Gespräch.
Kazmaier: Jederzeit für die Computerwoche.
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